Schweizer Online-Handel braucht dringend Impulse

16 February 2017

Die Digitalisierung schreitet rasch voran.

Die Aussichten für den Schweizer E-Commerce wären eigentlich gut – unter der Voraussetzung, dass man die Rahmenbedingungen laufend verbessert und die Firmen innovativ bleiben. Allerdings wird das Nein der Schweizer Stimmberechtigten zur Unternehmenssteuerreform III die weitere Entwicklung des Online-Handels hemmen.

Zehn Jahre nach der Einführung der Smartphones sind diese ein unentbehrlicher Bestandteil unseres Alltags geworden. In der Folge erscheinen immer mehr digitale Produkte auf dem Markt, die zusätzlich unser privates und öffentliches Leben beeinflussen. „Wir stehen vor der Digitalisierung von allem“, hat denn auch Christoph Amman, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Bern, während einer NetcommSuisse-Tagung im Berner Rathaus am 7. Februar 2017 erklärt. An dieser Konferenz zum Thema „Rahmenbedingungen für den Online-Handel“ trafen sich 100 Teilnehmer aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung zum Gedankenaustausch. Sie alle beschäftigen sich intensiv mit der Digitalisierung und stellten fest: Diese Entwicklung schreitet rasch voran und wird zu noch massiveren Veränderungen führen, als es schon jetzt der Fall ist.

Laut Ammann gilt es also, die entsprechende Infrastruktur zu fördern. Auch das Bildungssystem sollte seinen Teil beitragen, indem es zu Forschung und Entwicklung anregt. Ausserdem muss eine Regulierung der Prozesse erfolgen, die mit der Digitalisierung zusammenhängen – eine Aufgabe für den Staat. Hierbei wird auch die Rolle des Verbandes NetcommSuisse deutlich: Das Ziel sei es, den Prozess der allgemeinen Digitalisierung mit voranzutreiben sowie Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, sagte NetcommSuisse-Präsident Alessandro Marrarosa. Dazu gesellen sich laut seinen Worten das Monitoring des E-Commerce-Marktes und die Förderung spezifischer Forschung zusammen mit Hochschulen. Ausserdem wolle man regelmässig die Gelegenheit für Networking bieten, so Marrarosa.

Private und Staat müssen  zusammenarbeiten

Warum soll der Staat punkto Digitalisierung den Regulierer spielen? Um ein allgemeines Durcheinander zu vermeiden? Die Digitalisierung werde rasch zu tiefgreifenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft führen, monierte auch Philipp Metzger, Direktor des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom). Allerdings herrsche noch grosse Unklarheit, wie man von Digital Data und Digital Contents profitieren könne. Daher verfüge eigentlich nur die Landesregierung über genügend Ressourcen, um die ganze Entwicklung in vernünftige Bahnen zu lenken.

Gemäss Metzger muss der Staat gute Rahmenbedingungen schaffen. Aber er sollte auch die privaten Digital-Akteure mit Behörden und Bürgern zusammenbringen, damit strukturelle Dialoge möglich werden. Eine solche enge Zusammenarbeit sei in der Schweiz dank des gut ausgeprägten Bewusstseins um die Basisdemokratie kein Ding der Unmöglichkeit.

Den Anfang machte der Bund im April 2016 mit der Verabschiedung der „Strategie Digitale Schweiz“. Hierbei sind ein besserer E-Government-Service und auch E-Health wichtige Themen. Wenn Staat und Private die digitale Innovation nicht zusammen vorantrieben, drohe die Schweiz international ins Hintertreffen zu geraten, betonte Metzger. Und das hätte gravierende wirtschaftliche Nachteile zur Folge. Schliesslich machte der Bakom-Direktor eine interessante Feststellung: Im Rahmen der digitalen Transformation würden alle Beteiligten auch Fehler machen und gelegentlich scheitern – dies gehöre zwingend dazu, um neue und erfolgreiche Versuche zu starten.

Noch in den Kinderschuhen

Der Schweizer Online-Handel scheint noch immer in den Kinderschuhen zu stecken, was die Firmen selber betrifft. Laut einer NetcommSuisse-Erhebung hätten letztes Jahr mehr als acht Millionen Schweizer einen Einkauf via Internet getätigt, erklärte NetcommSuisse-Direktor Carlo Terreni. Doch erstaunlicherweise verfügten nur drei bis acht Prozent der Unternehmen im Inland über einen Online-Shop. Wie ausserdem eine Statistik des Bundesamtes für Kommunikation deutlich macht, lag der Wareneinkauf im Internet im Jahr 2015 bei ungefähr 75 Prozent. Damit befand er sich im Mittelfeld der sieben häufigsten E-Commerce-Tätigkeiten, welche die Bevölkerung ausführt.

Gemäss Herbert Binggeli, Rektor der Berner Fachhochschule, ist der Online-Handel für viele Schweizer Firmen nur eine Option. Dies müsse sich ändern, sonst stehe der inländischen Wirtschaft eine unliebsame Zukunft bevor. Hierbei ist laut Binggeli die Schaffung neuer Businessmodelle und Formen der Firmenorganisation sowie von Infrastrukturen dringend notwendig. Nicht zu vergessen ist auch der stete Wissenstransfer von der Forschung zur Praxis – und umgekehrt.

200 Millionen Personen im Ausland wollen Schweizer Waren

Laut Terreni hätte die Schweiz auch eine gute Ausgangsposition im internationalen E-Commerce. Eine Studie von NetcommSuisse zeigt, dass über 200 Millionen Menschen im Ausland via Schweizer Online-Plattformen Waren kaufen möchten. Offenbar gehen sie von einer grossen Daten-Sicherheit der E-Commerce-Anbieter in der Eidgenossenschaft aus. Dasselbe gilt für die Zuverlässigkeit bei der Auslieferung der bestellten Güter. Die Händler in der Schweiz sollten also ihr Zögern überwinden und den E-Commerce deutlich hochfahren, sagte Terreni. Ihre Unique Selling Proposition hätten sie ja bereits. Ein vermehrter internationaler Online-Verkauf würde zudem mehr Arbeitsplätze schaffen und Investoren anziehen.

Die EU erweist sich für die Schweiz als der wichtigste Markt, gefolgt von den USA und China. Somit müssen die schweizerischen Institutionen und Firmen im digitalen Bereich eine enge Zusammenarbeit mit Europa anstreben. Diese Schlussfolgerungen formulierten Reinhard Riedl, Leiter des Instituts für digitale Gesellschaft der Berner Fachhochschule, und Peter Grütter, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Telekommunikation. Eines scheint dabei klar: Die Schweiz profitiert umso mehr von der EU, je einheitlicher diese im E-Commerce agieren kann. Und Europa braucht einen solchen digitalen Schulterschluss, um selber im weltweiten E-Commerce bestehen zu können.

Einen einheitlichen Digitalmarkt der EU-Länder forderte denn auch Tonnie De Koster von der Direktion für Digitalmärkte der europäischen Kommission. Auch verlangte er den Abbau von digitalem Geo-Blocking und von Hindernissen bei der Paketauslieferung über Landesgrenzen hinweg. Zudem wies De Koster darauf hin, dass gerade KMU via Online-Handel viel Geld sparen würden.

Komplikationen und höhere Kosten

Warum zögern Schweizer Firmen punkto Online-Handel, obwohl sie vermutlich viele Kunden auch im Ausland hätten? Die Schweiz sei im digitalen Bereich nicht besonders innovativ, befand Samy Liechti, Mitgründer des Online-Socken-Händlers Blacksocks. Dazu komme der Faktor der Angst: vor dem grossen EU-Raum und vor Komplizierungen im Zusammenhang mit Fremdsprachen. Liechti erwähnte auch ungleiche Voraussetzungen für Schweizer und europäische Firmen bei den Verschiffungskosten von Waren. Ausserdem hätten schweizerische Unternehmen oft Zweifel, was die Schnelligkeit der Auslieferung bei ausländischen Logistikfirmen sowie die unterschiedlichen Zollbestimmungen betreffe. Das Ringen um die Zölle sei zeit- und ressourcenraubend, so Liechti. Aber ein guter Businessplan sollte auf die Dauer die Zollkosten neutralisieren können.

Schweizer Firmen scheuen generell die höheren Kosten, die im Online-Handel mit dem Ausland anfallen, zum Beispiel bei einer Verschiffung. Und die je nach EU-Land verschiedenen Warenregistrierungen und Zölle tun ihr Übriges. Diese Einschätzung äusserte Michael Hämmerli, Leiter internationaler Verkauf der Schweizerischen Post. Aus seiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn alle Zollstationen im Ausland die E-Daten auf gleiche Weise handhaben würden. Die Schweizerische Post verwalte alle Daten in höchstmöglicher Qualität, was dann schlankere Prozeduren an der Grenze nach sich ziehe, fügte Hämmerli an.

Eine besondere E-Commerce-Nische

An der NetcommSuisse-Konferenz kam die Rede auch auf eine besondere Nische im E-Commerce: die Sharing Economy. Ob diese tatsächlich ein neues Phänomen sei, fragte Botschafter Eric Scheidegger, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft, in die Runde. Neu mache sie das Internet, aber bekanntlich existierten Dienstleistungen wie Buchverleih, Taxifahrten, Mietwohnungsangebote und Ähnliches schon lange. Laut Scheidegger werden nun allerdings private individuelle Anbieter allmählich durch professionelle ersetzt, so gerade im Carsharing-Sektor. Zunehmend wichtig sind auch im Bereich der Sharing Economy die virtuellen Plattformen für Buchungen und Meinungsäusserungen seitens der Kunden. 

Das besondere Potenzial der Sharing Economy liegt in folgendem Umstand: Wenn der individuelle Besitz einer Dienstleistungsstruktur für immer mehr Personen zu teuer wird, dann sinken die Kosten via Sharing immer deutlicher. Und dann ebenso jene der Sharing-Plattform selber. Schliesslich machte Botschafter Scheidegger auch die Ansicht geltend, dass die Gesetzgebung die einzelnen Märkte der Sharing Economy nicht restriktiv gegen neue Anbieter schützen sollte. Als Beispiel nannte er den Taxi-Sektor.

Mangelhafte EDV-Kenntnisse in Europa

Und wie ist es eigentlich um die digitalen Fähigkeiten der Bevölkerung Europas bestellt? Laut Forscher Binggeli werden angesichts der grossen, durch die Digitalisierung bewirkten Veränderungen in den nächsten 20 Jahren jene Menschen ins Hintertreffen geraten, die keine oder nur schlechte Computerfähigkeiten besitzen.

Schon bald werden 90 Prozent der Arbeitsplätze vor allem in den Bereichen Ingenieurswissenschaften, Rechnungsprüfung und Architektur relativ grosse EDV-Kenntnisse erfordern. Dasselbe gilt auch für Berufsgruppen innerhalb der Medizin und Krankenpflege. Diese Einschätzung äusserte Davide Villa, Direktionsmitglied der Schweizer Firma JobCloud AG, während der NetcommSuisse-Konferenz. Gemäss Villa verfügt aber gegenwärtig die Hälfte sämtlicher EU-Bürger über keine oder nur mangelhafte Kenntnisse im digitalen Bereich.

 

Christine Simon von der Abteilung „DG Connect“ der Europäischen Kommission präzisierte: 37 Prozent der Arbeitnehmer in der EU hätten ungenügende EDV-Erfahrung, und 13 Prozent überhaupt keine. Somit erachten Simon wie auch Villa eine enge Zusammenarbeit zwischen allen schulischen Einrichtungen und der Privatwirtschaft als dringend notwendig. Die digitalen Fähigkeiten müssten auf jeder Unterrichtsstufe gefördert werden.

Der Einfluss der Unternehmenssteuerreform III

Gesamthaft betrachtet lässt sich sagen: Der Schweizer Online-Handel braucht dringend Impulse. Diese hätten auch von gesetzgeberischer Seite her kommen können, jedoch hat das Schweizer Stimmvolk die Unternehmenssteuerreform III (USR III) abgelehnt. Nach Einschätzung des PwC-Steuerexperten und ETH-Lehrbeauftragten Paolo Pamini besteht nun das Risiko, dass die grossen Auftraggeber der hiesigen E-Commerce-Dienstleister die Schweiz bald verlassen. Dadurch wird die Gründung neuer Unternehmungen in der Schweiz schwieriger, welche die Digitalisierung vorantreiben.

Umso mehr braucht es andere neue Impulse und Weichenstellungen für den Schweizer Online-Handel. Das Fazit von NetcommSuisse-Direktor Carlo Terreni lautet: Es müsse so oder anders alles getan werden, damit Erleichterungen für den E-Commerce in die Schweizer Gesetzgebung einflössen. Dazu sollte sich eine breite Informationstätigkeit für die Schweizer Online-Händler darüber gesellen, was in Sachen Regulierung des Digital-Bereichs im Ausland vor sich gehe. Und nicht zuletzt ist in Terrenis Augen auch die Verbesserung der Daten-Verwaltung entscheidend. Der Schweizer E-Commerce-Sektor muss also noch viele Herausforderungen bewältigen.

 

                                  Credits: Peter Jankovsky

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